Die färöische
Heimvolkshochschule - 1899-1999 - FR 364-65
Am
zweiten Weihnachtstag im Jahre 1888 versammelten sich viele Menschen im
Parlamentsgebäude (Tinghuset) in Tórshavn. Aufgrund des regnerischen und
stürmischen Wetters waren die Straßen nicht befahrbar, so daß es mit
Schwierigkeiten verbunden war, von den anderen Ortschaften und Inseln in die
Hauptstadt zu kommen. Dennoch war der Sitzungssaal zum Bersten voll. Anlaß der
Versammlung war eine kleine Anzeige in der Zeitung Dimmalætting vom 22.
Dezember: 'Alle sind herzlich eingeladen, am zweiten Weihnachtstag um 3 Uhr
nachmittags ins Parlamentsgebäude zu kommen, in dem wir darüber reden wollen,
wie man die färöische Sprache und Kultur verteidigen kann'. Die Einladenden
waren eine Gruppe von Dichtern und anderen Kulturpersönlichkeiten. Auf dieser
berühmten Weihnachtsversammlung wurde das Gedicht 'Sprachenstreit' vom
22jährigen Jóannes Patursson aus Kirkjubøur vorgelesen. Einleitung des Gedichts
ist ein Aufruf, daß es jetzt in diesem Land an der Zeit sei, uns durch
Handschlag gegenseitig zu verpflichten, für das Gedeihen der färöischen Sprache
arbeiten zu wollen.
Reden wurden gehalten und viele haben das Wort ergriffen. Schließlich einigte
man sich auf einen Beschluß, der darauf hinauslief, daß der Muttersprache in
der Schule, der Kirche und allen öffentlichen Angelegenheiten ein höherer
Stellenwert eingeräumt werden soll, und daß im schulischen Geschichtsunterricht
die Geschichte der Färöer zu berücksichtigen ist. Im Beschluß stand auch, daß
daran gearbeitet werden soll, eine färöische Heimvolkshochschule zu gründen. Im
Januar des nächsten Jahres wurde die Färöische Vereinigung gegründet, die zwei
Ziele anstrebte, nämlich zum einen, daß die färöische Sprache zu Ehre und Recht
kommen soll und zweitens, daß die Bewohner der Färöer in allen Bereichen
zusammenhalten und sich entwickeln sollen, damit sie autark werden. Mit diesen
Absichtserklärungen hatte die neue nationale Bewegung den Kurs eingeschlagen,
der nunmehr seit mehr als einem Jahrhundert verfolgt wird. Seit der Reformation
war die Kirchensprache Dänisch gewesen und bei der Einführung eines färöischen
Schulwesens im neunzehnten Jahrhundert wurde Dänisch auch Unterrichtssprache.
Die färöische Sprache hatte als Schulfach keine Rechte und mehrere Generationen
der Bewohner der Färöer konnten ihre eigene Sprache nicht schreiben. Eine
färöische Heimvolkshochschule konnte unabhängig vom öffentlichen Schulwesen
einen Unterricht mit färöischem Inhalt anbahnen.
Die
Idee, auf der die Heimvolkshochschulen basieren, stammt aus Dänemark. Die
Bewegung hatte ihren Ausgangspunkt in der Demokratie, die 1848 in Dänemark den
Absolutismus abgelöst hatte. N.F.S. Grundtvig, der den Anstoß zur
Volkshochschulbewegung gab, war der Meinung, daß das Volk, wenn es sich an der
Regierung des Landes beteiligen sollte, besser informiert werden müßte, als
dies in der Volksschule möglich war. Das Volk müßte sich selbst, also seine
Geschichte und seine Kultur, kennenlernen. Dabei sollten jedoch nicht die
Prinzipien, die in den eigentlichen Hochschulen angewandt wurden, zum Tragen
kommen. Sinn der Sache war es nicht, daß alle gelehrte Spezialisten sein
sollten. Statt des Buches und des Auswendiglernens vertrauten Grundtvig und
Christen Kold, der die Idee verwirklichen sollte, vielmehr auf das gesprochene
Wort, das mit Begeisterung in der Muttersprache vorgetragen werden sollte.
Die Heimvolkshochschulbewegung stieß auf den Färöern auf reges Interesse. Seit
den 70er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hatte eine Vielzahl von Bewohnern
der Färöer dänische Heimvolkshochschulen besucht. Insbesondere die Vallekilde-Heimvolkshochschule
war beliebt. In diesen Heimvolkshochschulen waren natürlich dänische Sprache,
dänische Geschichte und dänische Literatur der Ausgangspunkt. Sowohl Bewohner
der Färöer als auch dänische Vertreter der Heimvolkshochschulbewegung, die
großes Verständnis für das nationale Erwachen des färöischen Volkes hatten,
wußten, daß man, wenn die nationale färöische Bewegung bestehen sollte, eine
auf dem färöischen Volk basierende Heimvolkshochschule auf den Färöern gründen
müßte.
Zwei junge Bewohner der Färöer beschlossen, sich für die Sache einzusetzen:
Símun av Skarði und Rasmus Rasmussen. Símun av Skarði (1872-1942) wurde in der
kleinen Ortschaft Skarð auf Kunoy geboren. Im Lehrerseminar in Tórshavn traf er
Sanna Jacobsen aus Tórshavn. Sie absolvierten beide als Lehrer im Jahre 1896
und verlobten sich. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sich Símun dazu
entschlossen, nicht in der staatlichen Schule zu arbeiten. Sie würden zusammen
eine Volkshochschule gründen und die färöische Jugend für sich gewinnen. Símun
av Skarði besuchte im selben Jahr die dänische Heimvolkshochschule in Askov.
Rasmus Rasmussen (1871 - 1962) aus Miðvágur auf Vágar kam 1892 zur
Heimvolkshochschule in Vallekilde, wo er zwei Jahre geblieben ist. Später begab
er sich zur Heimvolkshochschule Askov, wo er zum ersten Mal Símun av Skarði
traf, der ihm natürlich seine Pläne zur Gründung einer Heimvolkshochschule auf
den Färöern mitteilte. Sie einigten sich auf eine Zusammenarbeit und begannen,
sich auf die Aufgabe vorzubereiten. Zwei Winter und zwei Sommer waren sie
Schüler der Heimvolkshochschule Askov; später besuchten sie für ein Jahr die
pädagogische Fortbildungsschule (Statens Lærerhøjskole) in Kopenhagen. Simun
studierte insbesondere Geschichte und Sprachen, während Rasmus Naturgeschichte
und Mathematik studierte.
Die färöische Heimvolkshochschule - Føroya Fólkaháskúli - wurde im Winter 1899
in provisorischen Räumlichkeiten in Klaksvík gegründet, die durch einen
Kaufmann zur Verfügung gestellt worden waren. Rasmus heiratete die Schwester
von Símun: Anna Suffía av Skarði. In den ersten Jahren hat sie sich um den
Haushalt gekümmert. Im selben Jahr wurde mit dem Bau der Heimvolkshochschule
begonnen. An einer schönen Küstenstrecke westlich von Klaksvík fanden sie unter
einem steilen Berghang einen geeigneten Ort, den sie Fagralíð (schöner
Berghang) tauften. Rasmus, der gelernter Zimmermann war, hat das Gebäude
zusammen mit anderen Männern aus den Nordinseln errichtet. Im nächsten Winter
war das Haus bezugsfertig, die Schüler konnten aber erst am 28. November
kommen. Sanna av Skarði reiste in diesem Sommer zur dänischen
Heimvolkshochschule Vallekilde, um hier Kenntnisse der Haushaltsführung und der
Handarbeit zu erlangen, so daß sie in der Heimvolkshochschule Fagralíð den
Haushalt führen und unterrichten könnte.
Viele
Hindernisse mußten überwunden und alle Kräfte aufgeboten werden. Die
wirtschaftliche Lage war äußerst gespannt; die Idee fand jedoch breite
Unterstützung in der Bevölkerung. Die jungen Idealisten fanden überall eine positive
Haltung zur Heimvolkshochschule vor. Im ganzen Land wurden Geldspenden für die
Heimvolkshochschule gesammelt und die Schule hatte viele Freunde. Die Umgebung
der Schule war schön und idyllisch. Die Lehrer konnten abends zusammen mit den
Schülern im Fjord angeln und in den Bergen wandern. Dies war so lange möglich,
wie die Lehrer noch jung und stark waren. Zugleich stellte sich jedoch heraus,
daß die abgelegene Lage der Schule äußerst unpraktisch war. Es gab keine
Straßenanbindungen, so daß alle Waren, u.a. Kohle, mit dem Ruderboot
transportiert oder auf dem langen Weg über den Berg aus Klaksvík auf dem Rücken
getragen werden mußten. Die Schule mußte schließlich nach Tórshavn verlegt
werden. Im Jahre 1909 wurde das Gebäude auseinandergenommen und etwas westlich
der Hauptstadt wiederaufgebaut. Hier befindet sich die färöische
Heimvolkshochschule immer noch. Die Stadt ist seither stetig gewachsen, so daß
die Heimvolkshochschule nunmehr inmitten der Stadt liegt. In den ersten Jahren
waren die räumlichen Verhältnisse beengt, ab den 50er und 60er Jahren des 20.
Jahrhunderts ist die Schule jedoch erheblich erweitert worden. Sie hat z.B.
einen geräumigen Eßsaal, eine geräumige Küche, einen großen Turnsaal und
zeitgemäße Zimmer bekommen. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die
Schule außerdem durch zwei benachbarte Gebäude erweitert. Der heutige Leiter
der färöischen Heimvolkshochschule ist der Philosoph und Dichter Rói Patursson
(1947 geboren).
Die Heimvolkshochschule hat für die nationale Identität der Färöer eine große
Rolle gespielt. In den ersten drei Jahrzehnten stellte sie die einzige
Möglichkeit des Volkes dar, einen gründlichen Unterricht in der färöischen
Sprache, Literatur und Geschichte zu erhalten. Hier wurden Gottesdienste in
färöischer Sprache mit färöischen Kirchenliedern abgehalten. Das öffentliche
Schulwesen hat sich geweigert, seine dänische Identität aufzugeben, wurde aber
im Laufe der Zeit doch erheblich vom Geiste der Heimvolkshochschule beeinflußt.
Hier hat die Heimvolkshochschule ihre vielleicht größte Rolle gespielt. Im
Laufe der letzten drei Jahrzehnte kann man sagen, daß das amtliche Schulwesen
endlich eine färöische Identität erhalten hat. Das kleine färöische Volk ist
aber nunmehr mit den großen Herausforderungen der heutigen Informationsgesellschaft
konfrontiert und braucht somit weiterhin eine lebendige Heimvolkshochschule.